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Was tun gegen ständig kritisierende Chefs, wie geht man mit mobbenden Kollegen um, warum ist Teamarbeit überbewertet und wie weist man wütende Mitarbeiter in ihre Schranken? Auf Monster.de schildert Karrierecoach Martin Wehrle mit spitzer Feder, wie man den Büroalltag überlebt.
Die Physikerin Elli Wiener (37) verblüffte mich, als sie raschelnd die "Frankfurter Allgemeine" aufblätterte: Die Stellenangebote sahen aus, als hätten sie die Gelbsucht bekommen; mit einem Textmarker hatten sie alle Profile der ausgeschriebenen Stellen durchgearbeitet. Die Physikerin war auf der Suche nach einer Art Naturgesetz, nach der gefragtesten aller Qualifikationen.
Dauerbrenner in Stellenanzeigen: die Teamarbeit
Und welche Anforderung stellten die Firmen am häufigsten? Nicht "Engagement", nicht "Belastbarkeit", nicht "Organisationstalent". Am höchsten im Kurs stand der Begriff "Teamfähigkeit".
Wer hätte das gedacht! Ausgerechnet die deutschen Unternehmen, diese Walfische des kapitalistischen Systems, bieten in ihrem Bauch dem sozialistischen Kollektiv, der totalen Gleichheit und Brüderlichkeit, ein letztes Refugium. Sie nennen es "Team"; sie predigen "Teamarbeit".
Einer für alle - alle für einen? Von wegen
Die Idee dahinter klingt wie eine Mischung aus Karl Marx und Gebrüder Grimm: Statt als Einzelkämpfer miteinander zu konkurrieren, statt sich Erfolge selbst unter den Nagel zu reißen, statt sich beim Chef für die nächste Beförderung zu positionieren – stattdessen legen die Kollegen ihre Eigeninteressen wie Winterstiefel im Frühjahr ab und verschmelzen mit den anderen Teammitgliedern zu einer Einheit. Einer für alle – alle für einen!
In Sonntagsreden klingt diese Philosophie hervorragend: "Ist es nicht egal, wer eine Idee hatte? Hauptsache, sie bringt das Unternehmen vorwärts! Ist es nicht egal, wer einen Fehler verursacht hat? Hauptsache, er wird schnell behoben!"
Elli Wiener hatte bislang als Assistentin an einer Universität gearbeitet und wollte in die freie Wirtschaft wechseln. Ihr Bild von den dortigen Spielregeln hatte sie sich auf Basis der Anzeigen gebildet. In der Beratung sagte sie:
"Toll, dass Teamfähigkeit so gefragt ist. Darin bin ich gut, da muss ich mich nicht verstellen. Es hätte ja sein können, dass die freie Wirtschaft eine reißende Wölfin erwartet."
"Woher sind Sie so sicher, dass die Wölfin nicht doch gefragt ist?", sagte ich.
"Nun, ich würde ja auch nicht ins Restaurant gehen und einen vegetarischen Salat bestellen, wenn ich ein Schweineschnitzel meine. Es wird schon seinen Grund haben, dass die Teamfähigkeit in den Anzeigen so oft verlangt wird."
"Aber es gibt Leute, die bestellen einen Salat und ein Schnitzel zur gleichen Zeit. Haben Sie mal darauf geachtet, in wie vielen Anzeigen Sie gleichzeitig die Wörter "Teamfähigkeit" und "Durchsetzungsfähigkeit" angestrichen haben?"
Sie stützte ihren Ellbogen auf den Tisch, legte ihr Kinn in den Handteller und überflog die Anzeigen der aufgeblätterten Doppelseite: "Stimmt, oft wünschen die Firmen beides. Sehen Sie das denn als Widerspruch?"
"Ich sehe eine noch viel größere Diskrepanz: Wie passt es zusammen, dass durch dieselben Firmen, die 'Teamfähigkeit' fordern, der scharfe Wind des Konkurrenzdenkens pfeift; dass die einen Kollegen belobigt oder befördert, die anderen ignoriert oder gefeuert werden; dass die einen dicke Prämien und Gehaltserhöhungen bekommen, die anderen mit Hungerlöhnen nach Hause schleichen? Wie passt das zusammen mit dem Gedanken des Teams, in dem angeblich alle gleich sind?"
Sie schüttelte energisch den Kopf, als hätte sie mich bei einem Denkfehler ertappt: "O.k., einige sind gleicher als gleich. Aber dennoch kann Teamfähigkeit bei den Firmen gefragt sein!"
"Stimmt, die Unternehmen sind froh, wenn genug graue Teammäuse an Bord huschen – Teammäuse, die still, unauffällig und vor allem völlig anspruchslos ihre Arbeit verrichten. Sie springen für Kollegen ein. Sie drehen Nullrunden beim Gehalt. Sie machen kein großes Theater, wenn sie der Besen einer Kündigung eines Tages über Bord fegt."
"Dann stimmt es gar nicht, dass die Firmen die Teamarbeiter fördern?"
"Werden ganze Teams befördert? Mit Gehaltserhöhungen bedacht? Von der Entlassungswelle verschont? Nein, das sind immer einzelne Kollegen! Solche, die aus dem Team ragen. Solche, die nicht grau geblieben sind, sondern sich durch ihre Einzelleistung einen Namen gemacht haben."
"Also besser gegen die Teamkollegen arbeiten – als mit ihnen?"
"So mancher profiliert sich auf fremde Kosten. Bosse sehen diesen Konkurrenzkampf nicht ungern. Wer sich auf Kosten anderer profiliert, beweist genau das, was viele Chefs auf ihren eigenen Sessel gebracht hat: nicht Teamfähigkeit, sondern eine doppelte Portion Ehrgeiz!"
Sie kniff die Augen zusammen und funkelte mich gefährlich an: "Finden Sie das etwa gut?"
"Nein, ich bin kein Freund von Blitz und Donner, ich liefere Ihnen nur den Wetterbericht. Mir wäre eine Teamarbeit lieber, die über das Schlagwort hinausgeht."
"Aber was mache ich denn jetzt, wenn ich eine Arbeit finde: Reiche ich den Kollegen die Hand zur Teamarbeit? Oder fahre ich die Ellenbogen aus?"
"Da sollten Sie genau hinschauen, wie sich die einzelnen Kollegen Ihnen gegenüber verhalten. Wer Sie unterstützt, den sollten Sie auch unterstützen. Wer loyal zu Ihnen ist, zu dem sollten Sie auch loyal sein. Aber zeigen Sie denen die Zähne, die sich auf Kosten anderer profilieren wollen. Sonst spielen Sie im Märchen von der Teamfähigkeit bald die Rolle des Rotkäppchens."
"Und wie sollte meine Teamarbeit aussehen?"
"Engagieren Sie sich ruhig für die Gemeinschaft. Aber achten Sie darauf, dass Ihre Einzelleistung sichtbar bleibt. Es ist gut, wenn der Chef weiß, wer Sie sind und was Sie können."
(Aus Martin Wehrle, "Am liebsten hasse ich Kollegen", Knaur-Verlag, 2010 / Bild: Dusan Zidar, Fotolia.com)

Martin Wehrle war Manager in einem Konzern,
bevor er Karrierecoach wurde.
Heute berät er Mitarbeiter aller DAX-Konzerne in Karrriere-, Gehalts- und Bewerbungsfragen.
An seiner Akademie bildet er Karrieeberater aus.
www.gehaltscoach.de
Buchtipp:
Martin Wehrle. Am liebsten hasse ich Kollegen. Wie man den Büroalltag überlebt. Knaur Verlag. 8,95 Euro.