Wer sich bewirbt, kann was erleben – auch böse Überraschungen. Im Buch "Ich arbeite immer noch in einem Irrenhaus" weist Bestseller-Autor Martin Wehrle auf Verrücktheiten der Personalauswahl hin.
Von Martin Wehrle
Der Ingenieur hatte im ersten Vorstellungsgespräch einen exzellenten Eindruck hinterlassen. Nun stand das zweite Gespräch an, diesmal mit dem Geschäftsführer. Der ließ sich von der Personalerin die Bewerbungsunterlagen vorlegen. Nach drei Sekunden schaute er auf und sagte: "Den nehmen wir nicht! Das hat keinen Zweck." "Aber warum denn?", fragte die Personalerin. "Der passt doch perfekt zum Stellenprofil." "Haben Sie mal aufs Geburtsdatum geschaut?" Sie überlegte kurz. "Stimmt, er ist für die Position noch ein wenig jung."
"Nein", knurrte der Geschäftsführer, "das meine ich nicht. Er hat Anfang November Geburtstag. Wissen Sie, was das heißt?" Sie zuckte mit den Schultern. "Er ist Skorpion! Jemand mit diesem Sternzeichen ist für den Umgang mit sensiblen Kunden nicht geeignet. Ich habe da so meine Erfahrung." Der Geschäftsführer war nicht mehr umzustimmen.
Scharlatane und Schädeldeuter
Die Hokuspokus-Methoden greifen bei der Personalauswahl um sich. Die Firmen fühlen sich in einer Notwehr-Situation, weil ihre Standard-Personalauswahl oft zu Reinfällen führt. "Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch", schrieb Hölderlin. Das Rettende hat einen Namen: Dirk Schneemann. Der gelernte Autolackierer ist zum Star der Personalauswahl aufgestiegen. Zu seinen Kunden gehören nach eigenen Angaben renommierte Unternehmen wie Daimler, Kraft Food, Thyssen Krupp und der TÜV.
Die Physiognomik, sprich Schädeldeuterei, ist Schneemanns Kunst. Angeblich lässt sich ein Bewerber allein aufgrund der Schädelform durchschauen. Der Wirtschaftspsychologie-Professor Uwe Peter Kanning berichtet in seinem aufschlussreichen Buch "Von Schädeldeutern und anderen Scharlatanen", wie er Guru Schneemann unverhofft in einem internationalen Konzern begegnete: "Eingeladen hatte eine Abteilungsleiterin, die das Auswahlverfahren für die Hochschulabsolventen überarbeiten wollte. Bis zu diesem Zeitpunkt hätte ich niemals gedacht, dass ein solches Unternehmen auf die absurde Idee kommen könnte, einen Psycho-Physiognomen um Rat zu fragen. Eigentlich sollten hier Spezialisten sitzen, die über eine einschlägige Ausbildung verfügen (…). Schließlich kommt der Auswahl des Personals eine (…) Schlüsselfunktion für den wirtschaftlichen Erfolg der Organisation zu."
Jetzt wird's absurd
Doch der Professor geriet in ein Irrenhaus: "Die drei Verantwortlichen des Unternehmens, die in der Gesprächsrunde das Sagen hatten, verfügten (…) über diagnostische Kompetenzen, die jeder beliebige Psychologiestudent des zweiten Semesters ohne die geringste Anstrengung in den Schatten stellen könnte."
Der Auftritt des Gurus glich einer Satire: "Mein Name ist Schneemann, ich liebe die Menschen und will Gutes tun." Und schon begann er, aus den Gesichtern der Personaler ihre Persönlichkeit zu lesen. "Sie wollen etwas leisten im Leben", "Es ist Ihnen wichtig, ein gutes Verhältnis zu Ihren Mitarbeitern zu haben." Zu Kanning sagte er in einem Gespräch über Kosten: "Herr Kanning, das habe ich doch gleich an Ihren großen Ohrläppchen gesehen, Sie sind geschäftstüchtig." Kanning erinnert sich: "Keiner der Vertreter des Unternehmens war in der Lage, auch nur die geringste Gegenwehr zu zeigen. Alle waren sichtlich beeindruckt."
Jetzt auch noch die Augenbrauen ...
Renommierte Unternehmen greifen bei ihrer Personalauswahl auf den Rat eines Autolackierers zurück, der unter anderem behauptet, der menschliche Kopf biete mehr als 200 Schädelareale, aus denen sich – rein äußerlich – auf den Charakter schließen ließe.
Und so rücken ganz neue Einstellungskriterien in den Vordergrund: die Form des Schädels, der Abstand der Augen, die Größe der Nase, die Ausprägung der Stirnfalten, ja sogar die Augenbrauen. In Schneemanns Buch "Wer bin ich? Wer bist du?" liest man verblüfft: "Leidenschaftliches Verhalten ist bei Menschen stark ausgeprägt, deren Augenbrauen über der Nasenwurzel zusammengewachsen sind." Dagegen seien Menschen mit buschigen Augenbrauen "begeisterungsfähig bis verwegen, bisweilen aber auch ängstlich und unversöhnlich".
Irrwege der Pseudodiagnostik
Und was die Lippen betrifft, sollte der Personaler nicht so sehr auf die Worte des Bewerbers, viel mehr auf die Form des Mundes achten: "Die volle Oberlippe weist auf einen kontaktfreudigen Menschen hin. Er ist herzlich, aufmerksam und verbindlich. Angriffe und Beleidigungen werden schnell verziehen." Also der ideale Kandidat für ein Irrenhaus, dessen Chef zu Ausrastern neigt!
Aber wehe, ein Kandidat hat gerade sitzende Ohren! Dann muss beim Personalprofi der Faulpelz-Alarm schrillen, wie Schneemann beschreibt: "Das Bestreben, sich durch Leistung hervorzutun und die eigenen Anlagen aus Ehrgeiz zu aktivieren, ist bei Menschen mit gerade sitzenden Ohren nur wenig ausgeprägt."
Was ist von Unternehmen zu halten, die einem solchen Guru folgen? Wie sicher darf der Bewerber sein, dass seine Bewerbung fair und professionell beurteilt wird?
Zumal es weitere Irrwege der Pseudodiagnostik gibt – zum Beispiel übertriebene Interpretation der Körpersprache. Einmal sagte ein Personaler zu mir: "Ist Ihnen aufgefallen, dass der Bewerber nichts von Teamarbeit hören wollte?"
Ich schüttelte den Kopf. "Nein, er schien mir Teamarbeit gegenüber recht aufgeschlossen."
"Aber haben Sie nicht gesehen, dass er sich bei der Frage förmlich sein Ohr zugehalten hat?"
Ja, er hatte sich einmal am Ohr gekratzt. Wahrscheinlich, weil es ihn dort gejuckt hat! Aber eine Hand, die zum Ohr geführt wird, gilt in der unter Personalern höchst beliebten Körpersprache-Literatur als Zeichen des Nicht-Hören-Wollens. Und wenn eine Bewerberin im frisch gelüfteten Raum die Arme vor dem Oberkörper verschränkt, hat das natürlich nicht mit der Kälte zu tun, sondern nur mit einer distanzierenden Haltung ...
Wer als Bewerber aus dem Rennen fliegt, weiß nie, woran er gescheitert ist: An der Form seiner Augenbraue? An dem geschwungenen "G" in seiner Unterschrift (Graphologie)? Oder daran, dass er sich in der 42. Minute des Vorstellungsgesprächs an der Nase gekratzt hat?
Eine solche Personalauswahl ist derart unvernünftig, dass ich die Schädel der Verantwortlichen gerne einmal deuten würde. Natürlich von außen – drinnen wird nichts zu finden sein!
Illustration: Dirk Meissner
(Aus Martin Wehrle, "Ich arbeite immer noch in einem Irrenhaus", Econ 2012)
Das erste "Irrenhaus"-Buch von Martin Wehrle hat sich über 200.000 Mal verkauft und stand 70 Wochen in der Bestsellerliste des Spiegel. Im Nachfolgeband "Ich arbeite immer noch in einem Irrenhaus" hat der Gehalts- und Karrierecoach die haasträubendsten Geschichten aus 2000 Leserzuschriften verarbeitet. Der Stern widmete Wehrles Buch Ende September 2012 eine Titelgeschichte.
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