Cebit: IT-Job-Report 2013
Nur jeder zweite Student schafft seinen Abschluss in Informatik. Dabei werden immer mehr Informatiker gebraucht – in der IT-Branche selbst und in den Anwenderunternehmen. Der Trend geht zu IT-Jobs in der Produktentwicklung.
Von Peter Ilg
Wenn der Bremsweg knapp wird, reißen viel das Lenkrad zur Seite. Doch diese oft verzweifelt letzte Reaktion vor dem drohenden Crash ist viel unfallträchtiger als eine Vollbremsung, die zwar brachial, aber lediglich in die Längsdynamik eines Fahrzeugs eingreift. "Ausweichen ist die querdynamische Ergänzung", sagt Matthias Thomi von Continental.
Der 26jährige Informatiker arbeitet an der Entwicklung eines Ausweichassistenten. Sensoren senden Radarsignale bis zu 200 Meter voraus und tasten das Umfeld ab. Treffen sie auf ein Hindernis, warnt ein Ton den Fahrer.
Gute Informatiker können in jeder Branche arbeiten
Weltweit beschäftigt Continental 10.000 Informatiker. Tendenz stark steigend. Aktuell hat der Automobilzulieferer rund 100 vakante Informatiker-Stellen in Deutschland. "Wir brauchen sie überall dort, wo Software im Auto eingesetzt wird", sagt Daniel Förster, der die Abteilung System-Design für integrierte Sicherheit leitet.
Fahrerassistenzsysteme sind ein Beispiel, andere Motorsteuergeräte und im Interieur Navigations- und Audiosysteme, Internetanschluss, Car-to-Car-Communication sowie die Vernetzung der Steuergeräte, etwa ESP mit elektrischer Lenkung. "Grundsätzlich kann jeder Informatiker bei uns arbeiten, er braucht keine speziellen Automobilkenntnisse", sagt Abteilungsleiter Förster. Im Studium hätten sie logisches Denken und das Handwerkszeug fürs Programmieren gelernt, im Idealfall in den Sprachen C und C++.
Informatiker für Produktentwicklung gesucht
Ob Automobilbranche, Logistik, Maschinenbau oder Medizintechnik: in der gesamten Industrie werden immer mehr Informatiker für die Produktentwicklung eingestellt. Andere arbeiten im IT-Bereich. Sie implementieren und pflegen Softwareanwendungen, sorgen für reibungslosen E-Mail-Verkehr und konzipieren die IT-Landschaft. Die Programme und Anwendungen kommen aus der IT-Industrie.
"Auf jeden Informatiker in der IT-Branche kommt ein weiterer in den Anwenderunternehmen", sagt Dr. Stephan Pfisterer, Arbeitsmarktexperte beim IT-Verband Bitkom in Berlin.
Die Arbeitsmarktchancen für Informatiker bezeichnet er als "sehr gut". Laut der Arbeitgeberbefragung im Herbst 2012 gab es damals 43.000 offene Stellen. Die meisten davon bei den Anwenderunternehmen. 2011 sind in der IT-Branche selbst rund 18.000, 2012 etwa 10.000 neue Jobs entstanden. Und auch in diesen Jahr sollen tausende neue Arbeitsplätze in der IT-Industrie hinzukommen.
Nur jeder Zweite beendet das Informatikstudium mit Abschluss
"Gut, dass das Interesse am Studienfach Informatik wächst", so Pfisterer. Seit 2006 steigen die Studienanfängerzahlen in dem Fach gewaltig an, von rund 29.000 auf fast 51.000 im Jahr 2012. Der rasante Anstieg in den vergangenen Jahren lag mit an den doppelten Abiturjahrgängen und der Aussetzung der Wehrpflicht: Informatik ist ein technisches Studienfach und dort sind nur wenige Frauen anzutreffen. Nach vorläufigen Angaben des statistischen Bundesamts lag die Frauenquote 2012 bei 22 Prozent.
2012 haben rund 16.500 Absolventen ihr Informatik-Studium abgeschlossen. Was nicht einfach ist: nach Angaben des Verbands schafft nur jeder zweite Studienanfänger einen Abschluss. "Im Fach Informatik schreiben sich viele ein, die nicht wirklich wissen, was auf sie zukommt, und ihr Studium daher mit falschen Vorstellungen beginnen", sagt Professor Dr. Ulrich Klauck, Studiendekan in Informatik an der Hochschule Aalen. Informatik ist ganz viel Mathematik. Daran und am notwendigen Abstraktionsvermögen scheitert so mancher. Etwa 50 Absolventen schließen pro Jahr ihr Studium in Aalen ab. "Probleme, einen Job zu finden, hat derzeit keiner."
Warum IT-Fachkräfte immer noch gute Karrierechancen haben
Insgesamt waren im Januar gut 14.600 Jobs für IT-Fachkräfte ausgeschrieben und damit 17 Prozent weniger als vor einem Jahr, teilt das Marktforschungsunternehmen Anzeigenauswertung mit. Insgesamt wurden im Januar in den wichtigsten deutschen Print- und Online-Medien 16 Prozent weniger Stellen inseriert als im Vergleichszeitraum des Vorjahres. Am stärksten ging die Nachfrage nach IT-Fachkräften aus der Industrie zurück.
Dieser konjunkturell bedingte Nachfragerückgang dürfte für Informatiker aktuell kein Problem darstellen. Sie können ja immer noch auf die IT-Branche als Arbeitgeber ausweichen. "Wir suchen in diesem Geschäftsjahr rund 1000 neue Mitarbeiter, von denen die allermeisten Informatiker sein sollen", sagt Simone Wamsteker, Leiterin Recruting in der Deutschland-Zentrale von Accenture, in Kronberg im Taunus. Accenture ist ein international tätiger Managementberatungs-, Technologie- und Outsourcing-Dienstleister mit rund 260.000 Mitarbeitern weltweit.
Accenture sieht Mangel an Informatikern
Das Unternehmen stellt einen Mangel an Informatikern in Deutschland fest: "Leider haben in die vergangenen Jahren die Absolventenzahlen der technischen Disziplinen, allen voran der Informatik, nicht im gleichen Maße zugenommen, wie sich die Nachfrage nach gut ausgebildeten Fachkräften in der Wirtschaft entwickelt hat", so Wamsteker. Sie würde sich für Accenture wünschen, dass "es generell mehr Interesse an dieser Disziplin gäbe". Schließlich käme kein größeres Unternehmen ohne eine umfangreiche IT-Landschaft mehr aus. Dafür braucht es Informatiker.
Accenture wird auf der weltgrößten Computermesse Cebit - vom 5. bis 9. März in Hannover – vertreten sein. "Wir nutzen die Möglichkeit, Talente zu finden, die nicht auf klassische Recruitingmessen kommen." Der letzte Cebit-Tag ist ein spezieller Recruiting-Tag, der sich an den IT-Nachwuchs, als auch an all diejenigen wendet, die einen neuen IT-Job suchen. Anlaufstelle für alle Interessenten ist der Ausstellungsbereich ‚Jobs & Recruiting in Halle 9.
Weitere Informationen unter http://www.cebit.de/de/ueber-die-messe/themen-und-trends/recruiting
(Bild: CeBIT)