Konzern oder Mittelstand? Das ist hier die Frage.
Wo kann man besser Karriere machen: Im internationalen Konzern oder im bodenständigen Mittelstand? Wir sagen, warum sich diese Frage nur individuell beantworten lässt.
Von Peter Ilg
Sven Roller hatte es leicht bei seiner Suche nach einem Job: Wirtschaftsingenieure sind gefragte Leute. Der 27jährige hat einen Bachelor- und Master-Abschluss in diesem Fach. Mehrere Firmen wollten Roller haben, doch er hatte seine eigenen Vorstellungen und lehnte dankbar ab.
Audi und BMW sind die begehrtesten Arbeitgeber
Roller hatte seine Lektion gelernt. Bereits während des Studiums testete er, ob ein Konzern oder ein mittelständisches Unternehmen für ihn das richtige ist. Deshalb machte er jeweils ein halbjähriges Praktikum. "Nach dieser Erfahrung war klar, dass ich in den Mittelstand gehen werde." Ein Konzern kam für ihn nicht mehr in Frage.
Roller gehört damit zur Minderheit deutscher Absolventen. Die meisten möchten zu Audi, BMW ist zweite Wahl. Zu diesem Ergebnis kommt Trendence in Berlin. Das Forschungsinstitut ermittelt regelmäßig die beliebtesten Arbeitgeber von Absolventen. Angehende Wirtschaftswissenschaftler und Ingenieure bevorzugen Audi und BMW.
Ingenieure und Wirtschaftswissenschaftler mögen große Marken
Alle Unternehmen auf den ersten zehn Plätzen sind bekannte Marken. Bei der Wahl ihres ersten Arbeitgebers zählen für die Einsteiger vor allem attraktive Aufgaben und Karrieremöglichkeiten. Dass mit Porsche, Daimler und Volkswagen drei weitere Fahrzeughersteller unter den Top Ten bei Ingenieuren und Wirtschaftswissenschaftlner sind, hat mit dem Produkt zu tun: die Marken sind nicht nur bekannt, jeder kann sie jeden Tag auf der Straße sehen. Man muss anderen nicht groß zu erklären, wo man arbeitet.
Der junge Ingenieur Roller muss das schon. Geze ist vor allem in der Baubranche ein Begriff. Das mittelständische Unternehmen mit Sitz in Leonberg, rund 2500 Mitarbeitern und etwa 310 Millionen Euro Jahresumsatz, stellt Bausysteme für Türen, Fenster und Sicherheitstechnik wie Rauch- und Wärmeabzugsanlagen her.
Der Mittelstand: nicht so sexy, aber oho!
Roller ist seit April 2012 im Unternehmen, absolviert ein internationales Sales-Traineeprogramm, das eineinhalb Jahre dauert. Anschließend wird er in einer vertriebsnahen Abteilung arbeiten. "Im Mittelstand ist die Wertschätzung des Einzelnen höher als im Konzern, die Hierarchien flacher, dadurch hat man von Anfang an gleich mehr Verantwortung und kann schneller praktische Erfahrungen sammeln", hat er festgestellt. Allein aufgrund der Vielzahl an Mitarbeitern sei man im Konzern einfach eine kleinere Nummer.
Die Firmeninhaberin sieht Roller fast täglich. "Das verschafft mir ein Sicherheitsgefühl für meinen Arbeitsplatz." Vor wenigen Tagen hatte er Geburtstag und bekam eine von der Chefin handgeschriebene Karte. "Darüber habe ich mich gefreut." In Konzernen herrsche Distanz und die Vorstände bekomme man eventuell nie zu Gesicht, auch wenn man dort sei Leben lang arbeite.
Unterschiedliche Welten
"Grundsätzlich muss man sich im Klaren sein, dass große und kleine Unternehmen zwei vollkommen unterschiedliche Welten sind", sagt Susanne Rausch, Inhaberin von act value management consult in Berlin. Die Agentur entwickelt Personalstrategien für Unternehmen. Im Mittelstand seien Macher willkommen, Gestaltungsfreiräume größer, Entscheidungswege kürzer und die Zusammenarbeit konstruktiver. "Auch wenn es in manchen Branchen manchmal etwas rau zugeht, zählen Ergebnisse mehr als Vielfliegerboni." Wer ein hohes Arbeitspensum bewältigen kann, ergebnisorientiert und kooperativ ist, habe hier gute Chancen.
Die Vorteile des Konzerns sieht Rausch in den Entwicklungsmöglichkeiten: Auslandseinsätze, interdisziplinäre Projekte, vielfältige Einsatz- und Aufstiegsmöglichkeiten. "Weil die Maschinerie laufen muss, kommen individuelle Bedürfnisse oft zu kurz." Konzerne beschreibt sie als "hoch komplexe Systeme – sie zu durchschauen, dauert lang und die Gefahren, informelle Strukturen und Machtverhältnisse nicht rechtzeitig erkannt zu haben, sind groß". Diplomatisches Geschick, gute Netzwerkfähigkeiten und große Selbstsicherheit seien hier gefragt.
Gehalt: Größe zählt doch
Die Größe des Unternehmens ist laut Studien der Managementberatung Kienbaum durchaus ein entscheidender Faktor beim Gehalt. Doch Roller als auch Martina Peters ging es beim Einstieg weniger ums Geld, als vielmehr um die Aufgabe. Die 31jährige promovierte Chemikerin Peters wollte in einen Konzern, "weil es dort eben viel mehr Möglichkeiten als in einem mittelständischen Unternehmen gibt".
Seit Anfang 2010 arbeitet sie bei Bayer in Leverkusen und hat weltweit rund 112.000 Kollegen. Peters ist bei der Bayer Tochter Technology Services als Gruppenleiterin verantwortlich für die Katalysator-Forschung. "Ein großes Unternehmen hat mehr Projekte als ein kleines, zudem bietet es bessere Möglichkeiten der Weiterentwicklung, weil es einfach mehr Positionen gibt."
Die entscheidende Frage: Was ist das Bessere für mich?
Zudem wollte sie keinen klassischen Chemikerinnen-Job, sondern einen, der viel mit Kommunikation zu tun hat. Allein schon die Anzahl der Kollegen macht das notwendig. Peters hatte keine Schwierigkeiten, sich in einer so großen Firma zurecht zu finden. "In Einführungskursen lernt man die Struktur des Unternehmens kennen und je mehr Kollegen man hat, umso größer ist die Hilfe, die man bekommen kann."
Martina Peters ist zufrieden mit ihrer Arbeitgeberwahl. Sven Roller auch. In beiden Fällen liegt das weniger an den Unternehmen, sondern daran, dass beide für sich die richtige Wahl getroffen haben. Man muss nur wissen, wohin man passt. Informationen sammeln in Praktika, mit Freunden und Berufserfahrenen sprechen und die Ergebnisse für sich bewerten, eventuell mit professioneller Hilfe, rät Susann Rausch. Gute Leistungen kann man nach ihren Angaben nur dort bringen, wo man sich richtig aufgehoben fühlt. Das kann jeder nur für sich selbst herausfinden.
(Bild: Tuomas Kujansuu, istockphoto)