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Wie das Salz zur Suppe gehören Praktika zu einer erfolgreichen Studien- und Karriereplanung. Im fortgeschrittenen Alter sind sie aber unüblich. Dabei kann ein Praktikum der Beginn einer neuen beruflichen Liebe sein.
Als "langen Anlauf in die Medien" bezeichnet Horst Müller seinen Berufsweg: Ausbildung zum Industriekaufmann und EDV-Operator, Abteilungsleiter in einem Touristikkonzern, Manager in einem Verlag. Die Wende brachte ein Praktikum – da war Müller 35.
Praktikum als Wechselbad
Bei Radio Schleswig-Holstein entdeckte er sein Talent für den Journalismus. Der Praktikant mauserte sich zum Regionalkorrespondent, Studioleiter, Chefreporter. Später ging er als Geschäftsführer und Programmdirektor zu einem Sender in Mecklenburg-Vorpommern. Sogar Verlagsleiter des deutschen Playboy war Müller einige Jahre. Heute ist er Professor für Redaktionspraxis im Fachbereich Medien der Hochschule Mittweida.
Das Praktikum erlebte Müller als Wechselbad. "Ich hatte vorher einen komfortablen Job gehabt, war Führungskraft gewesen und musste mir nun von einem 21-jährigen Volontär sagen lassen, wie ich die Zeitung auf dem Redaktionstisch aufschlagen sollte", sagt er.
Kontakte nutzen
"Dafür habe ich neben dem journalistischen Handwerkszeug gelernt, schnell zu arbeiten und mehrere Dinge gleichzeitig zu erledigen." Trotz Stress und Volo-Willkür hielt der Spätberufene durch, "weil das meine freie Entscheidung war. Ich wollte ausbrechen."
Dass Müllers "langer Anlauf" zum Ziel führte, verdankt er nicht unwesentlich seiner letzten Station vor dem Praktikum: Als Verlagsmitarbeiter hatte er bereits einen Fuß in der Tür zum Journalismus. Er konnte vom eigenen Schreibtisch aus in die Arbeit seiner schreibenden Kollegen hineinriechen, Kontakte knüpfen oder sich weiterbilden.
Personaler sind skeptisch
Ohne dieses "Vorspiel" wäre ihm die berufliche Neuorientierung wahrscheinlich schwerer gefallen, denn: "Nach meiner Erfahrung ist es für Bewerber ab Mitte 30 sehr schwer, ein qualifiziertes Praktikum oder Volontariat in einem renommierten Unternehmen zu erlangen", sagt Ute Bölke, Karriere-Coach in Wiesbaden.
Viele Personaler sind skeptisch, weil sie ein Praktikum nach mehrjähriger Berufserfahrung als Rückschritt werten – oder als Eingeständnis einer Niederlage. Und wer interessiert sich schon für Verlierer? Hinzu kommen Zweifel, ob ein Mittdreißiger nicht schnell die Lust verliert, das "kleinste Licht" im Team zu sein.
Reife Leistung
Wie Sie sich als Mittdreißiger im Bewerbungsgespräch für ein Praktikum behaupten.
"Warum wollen Sie beruflich von vorn anfangen?"
"Ich orientiere mich um, das stimmt, aber von einem beruflichen Neuanfang würde ich nicht sprechen. Schließlich verfüge ich über Erfahrungen, die zu dieser Tätigkeit passen, nämlich ..."
"Sie werden der Älteste im Team sein und am wenigsten zu sagen haben."
"Ich komme, um zu lernen. Eine Führungsaufgabe strebe ich nicht an, deshalb ist es f�r mich in Ordnung, auf die erfahrenen Kollegen zu hören."
"Sie sind überqualifiziert."
"Ich bringe Kompetenzen und Kenntnisse mit, von denen ich einen Teil hier nutzbringend anwenden kann. Auf alle meine Kompetenzen und Kenntnisse trifft dies jedoch nicht zu, weshalb ich ja ein Praktikum anstrebe."
"Ältere Praktikanten haben weniger Biss als junge."
"Dass ich den Mut habe, mich umzuorientieren, zeugt im Gegenteil von Entschlusskraft und Initiative. Außerdem sehen Sie anhand meiner Zeugnisse von früheren beruflichen Stationen, mit wie viel Elan ich an neue Aufgaben herangehe."
Praktikum bei Arbeitslosigkeit
Es gibt auch formale Hürden, wie Bölke weiß. "Befindet sich ein Bewerber im Bezug von ALG I oder II, muss in der Regel ein Praktikum genehmigt und begründet werden", erläutert die Trainerin. Ihr Fazit: "Ab einem gewissen Alter oder nach Unterbrechungen in der Vita sollte der Wunsch nach einem Praktikum sehr gut begründet und plausibel sein."
Initiativen wie Fairwork oder Fair Company, die von der "Generation Praktikum" ins Leben gerufen wurden, beobachten allerdings, dass manche Unternehmen gezielt ältere Praktikanten anheuern, vorzugsweise Hochschulabsolventen oder Berufserfahrene. Sie kaufen Wissen zum Dumping-Preis ein, wecken Hoffnungen auf ein festes Beschäftigungsverhältnis – und enttäuschen sie regelmäßig.
Achtung vor Ausbeutung
Fairwork verteilt jedes Jahr "Goldene Raffzähne" an Unternehmen, die besonders schamlos Praktikanten ausnutzen. Ein "Preisträger" hatte auf seiner Webseite 22 Praktika ausgeschrieben, von denen sich zehn ausdrücklich an Hochschulabsolventen richteten.
Nach der Ausbildung sei ein Praktikum "nicht mehr die erste Wahl", findet Carolin Lüdemann vom Karrierenetzwerk CoachAcademy in Stuttgart. "Trotzdem darf man nicht aus den Augen verlieren, dass einige Bewerber durch das Praktikum den Übergang in eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung schaffen."
Maßgeschneiderte Bewerbung
Vorausgesetzt, die Argumentation überzeugt. Weist der Lebenslauf Lücken oder Brüche auf, "kommt es darauf an, dem künftigen Arbeitgeber aufzuzeigen, dass man einen 'roten Faden' verfolgt", so die Beraterin. Das gelingt, indem der Bewerber im Anschreiben branchenrelevante Erfahrungen betont.
Im Lebenslauf kann er notfalls von der Chronologie abweichen und zueinander passende Stationen bündeln. "Keinesfalls darf man den Eindruck vermitteln, sich aus der Not heraus für irgendetwas Beliebiges bei einem beliebigen Arbeitgeber zu bewerben", sagt Lüdemann.
Persönliche Kontaktaufnahme
Der Münchener Trainer Johannes Stärk empfiehlt, ein Update von Fachkenntnissen – nachzuweisen durch ein Zertifikat – oder Arbeitsproben als Türöffner zu nutzen. "Speziell ältere Bewerber sollten den Kontakt persönlich oder telefonisch aufnehmen", sagt er. "Bei schriftlichen Bewerbungen laufen sie Gefahr, schnell durch das Auswahlraster für Praktikanten zu fallen."
(Christoph Stehr, 2010 / Bild: Yuri Arcurs, Fotolia.com)