Es muss nicht gleich der Masterplan sein. Aber wer im Beruf aufsteigen will, sollte sich beizeiten einen Grundriss für die eigene Karriere zurechtlegen, um nicht irgendwann in einer Sackgasse zu landen.
Dass seine früheren Studienkollegen ihn als Glückspilz bezeichnen, ist Jürgen Riegel* gewöhnt. Und dennoch, so meint der promovierte Biologe, fällt ihm nichts in den Schoß, was nicht auch andere haben könnten: "Ich plane meine berufliche Entwicklung nur ein wenig mehr als der durchschnittliche Absolvent und komme deshalb vielleicht schneller voran", weiß der 30-jährige Berliner.
Nichts dem Zufall überlassen
Gleich in den ersten sechs Monaten nach dem Diplom hatte er Kontakt zu drei Firmen geknüpft, die ihn am liebsten sofort einstellen wollten. Doch Riegel gab schließlich allen Interessenten einen Korb: "Es war einfach nicht das Richtige dabei, und die Vorstellung, dann jahrelang einen dieser Jobs zu machen, sagte mir nicht zu."
Also beendete Riegel erst noch seine sowieso schon begonnene Promotion, schickte dann zwei Initiativ-Bewerbungen an Firmen, für die er gern arbeiten würde. Nur sechs Wochen später bot ihm eine der beiden einen Job im Labor an. Der damals 28-Jährige sagte zu - auch weil die Firma ihm noch für mindestens zehn Jahre gute Aufstiegsmöglichkeiten bietet. "Ich bin richtig froh, dass ich zu den ersten Angeboten 'Nein' gesagt und lieber noch meine Promotion beendet habe", ist sich der Biologe heute sicher.
Auch in wirtschaftlich schweren Zeiten Ruhe bewahren
Was auf den ersten Blick überheblich wirken mag, ist nach Ansicht der Stuttgarter Personalberaterin Anne Wendt die einzig richtige Strategie, um nicht irgendwann in einer beruflichen Sackgasse zu enden. "Sicher hat nicht jeder das Glück, gleich aus mehreren Jobangeboten wählen zu können." Aber selbst in Zeiten eines angespannten Arbeitsmarktes sei es wichtig, als Berufsanfänger nicht in Panik und Zukunftsangst zu verfallen. "Es gab zum Beispiel in den vergangenen Jahren leider viele Studenten, die ihre geplante Ausbildung nicht abgeschlossen haben, weil sie das erstbeste Jobangebot angenommen haben."
Doch irgendwann sei jede wirtschaftliche Krise einmal durchstanden, weiß Wendt: "Wer dann mit einer guten Ausbildung nach Jobs sucht, hat bessere Karten, als der, der in Panik zuvor alle Pläne über Bord geworfen hat." Aktuell, da im ersten Halbjahr 2007 die Konjunktur wieder angezogen hat und viele Firmen über Fachkräftemangel klagen, gilt der Leitsatz der Personalberaterin darum umso mehr: "Jeder, der im Berufsleben steht, aber auch der Student kurz vor dem Abschluss, sollte einen persönlichen Karriereplan haben, den man nicht aus den Augen verlieren darf", fordert Wendt.
Fünf Schritte seien nötig, bis man solch einen persönlichen Plan aufgestellt hat, meint die Personalberaterin. Jeden Schritt verbindet sie mit einer Frage, deren ehrliche Beantwortung zwingend notwendig ist, um seinen persönlichen Karriereplan umzusetzen.
Schritt 1: Wo liegen meine Interessen?
Gerade Berufsanfänger neigen dazu, das erstbeste Angebot anzunehmen, ohne sich zu fragen, ob sie diese Arbeit überhaupt interessiert, ist sich Wendt sicher: "So aber entsteht permanente Unzufriedenheit, die keinesfalls dazu führt, dass man auf der Karriereleiter emporsteigt." Wer aber langfristig an einem Arbeitsplatz sitzt, der ihn überhaupt nicht interessiert, kommt natürlich auch für den Karriereaufstieg nicht in Frage.
"Nur wer für seine Aufgabe eine gewisse Begeisterung mitbringt, fällt dem Vorgesetzen auch auf." Die notwenige Vorraussetzung dafür ist aber, dass man sich gezielt auf die Stellen bewirbt, die einen wirklich interessieren.
Schritt 2: Was bringe ich mit?
Nicht nur junge Menschen neigen bezüglich ihrer Kenntnisse zur Selbstüberschätzung. "Doch die kritische Beurteilung der eigenen Fähigkeiten hilft, eventuelle Lücken beizeiten schließen zu können - beispielsweise durch zusätzliche Qualifikationen."
Denn eigentlich sei es so gut wie nie zu spät, den Grundstein für beruflichen Aufstieg zu legen: "Bevor ich allerdings etwas Neues anfange, sollte die Frage nach dem, was ich wirklich kann, schon beantwortet sein", fordert die Personalberaterin.
Schritt 3: Wo sehe ich mich in fünf (oder zehn) Jahren?
Für die Stuttgarterin ist das die Hauptfrage auf dem Weg in den Karriereolymp: "Ich empfehle wirklich, sich die Antwort auf diese Frage aufzuschreiben, damit man sie immer wieder neu lesen und vor Augen halten kann."
Denn gerade Menschen, die schnell mit dem Erreichten zufrieden seien, neigen dazu, frühere Ziele aufzuweichen. Wer aber Karriere machen will, sollte den Ansporn haben, sich ständig weiterzuentwickeln und eine Stufe nach der anderen auf der Karriereleiter nach oben zu steigen. Die ständige Konfrontation zwischen dem einstigen Anspruch an sich selbst und dem wirklich Erreichten kann ein Ansporn dazu sein, sich beispielsweise um Weiterbildungen zu bemühen oder zunehmend mehr Verantwortung zu übernehmen.
Schritt 4: Wie kann ich dieses Ziel erreichen?
Die Definition eines Zieles reiche aber keinesfalls für einen Karriereplan aus, ist sich die Personalberaterin sicher. "Es gibt Leute, die sagen mir, dass sie in zehn Jahren die Position ihres Chefs haben wollen, aber letztlich tun sie nichts dafür", analysiert Anne Wendt. Wichtig sei darum vor allem, neben dem großen Ziel auch kleine und realistische Schritte abzustecken.
Wie weit will ich in einem, wie weit in zwei Jahren sein? Welche Netzwerke muss ich schon jetzt knüpfen, die mir später helfen könnten? Gerade für diejenigen, die hoch hinaus wollen, aber in ihrer Firma nicht weiter kommen, sind derlei Zwischenschritte von Bedeutung.
"Denen muss klar werden, dass sie ihren Job selbst kündigen und auf die Suche nach einem neuen Arbeitgeber gehen müssen, um voran zu kommen", erklärt die Personalberaterin. "Nicht jeder traut sich diesen Schritt aber zu - und manche verbleiben dann jahrelang an ihrem Arbeitsplatz, der sie eigentlich kaum noch ausfüllt."
Schritt 5: Wie begegne ich Unwägbarkeiten?
Neben denjenigen, die schnell mit dem Erreichten zufrieden sind, macht Anne Wendt noch eine zweite große Gruppe potenziell Unzufriedener aus: "Das sind diejenigen, die alle möglichen Gründe ins Feld führen, die der Verwirklichung der eigenen Pläne im Wege stehen."
Viele davon mögen real sein - so verhindert beispielsweise bei Frauen mit Anfang Dreißig oftmals der Kinderwunsch die Erfüllung von Karriereplänen, die sie als Mittzwanziger noch hatten. Da ist eine realistische Bestandsaufnahme nötig: "Es ist normal, dass man hin und wieder nach fünf oder zehn Jahren andere Prioritäten setzt", weiß die Personalberaterin.
Den Karriereentwurf immer wieder überarbeiten
Wichtig sei darum bei aller gewissenhaften Planung, hin und wieder in einer ruhigen Minute den Karriereentwurf zu überarbeiten und die Realitäten einfließen zu lassen, rät Anne Wendt: "Denn schließlich ist auch das nur ein Plan, der sich mit vielen anderem zum Lebensentwurf ergänzt - und ein solcher kann mitunter auch mal in eine ganz andere Richtung gehen." Denn Karriereplan hin oder her: Zum Sklaven eines perfekt durchorganisierten Lebens, in dem jede Unwägbarkeit eine schwere Krise auslöst, sollte man sich keinesfalls machen.
(Hagen Kunze, 2007)