Internationale Karriere - Ich bin dann mal weg
Karrierestrategien, Teil drei: Topmanager haben viel geleistet, viel gesehen, viel erlebt – auch im Ausland. Ein internationales Traineeprogramm ist ein guter Ausgangspunkt für eine internationale Karriere. Was außerdem in Ihr Reisegepäck gehört.
Von Christoph Stehr
Sie sind unter 40 Jahre, extrem erfolgreich, gesellschaftlich engagiert und haben das Beste noch vor sich: Sie können die Welt verändern. Jedes Jahr nominiert das World Economic Forum zwischen 100 und 200 "Young Global Leaders"(YGL) aus allen Kontinenten.
Seit 2006 wurden 36 Deutsche in den erlesenen Kreis aufgenommen, darunter Alan Hippe, Finanzvorstand bei Hoffmann-La Roche, Adidas-Managerin Katrin Ley oder Klimaschutzberater Moritz Lehmkuhl. Hoffnungsträger der Menschheit ist ein harter Job – und hart erarbeitet, zum Beispiel durch eine Unternehmensgründung oder eine steile Konzernkarriere. In einem Punkt ähneln sich die Viten: Sie sind international. Auslandsstudium, Expat-Einsätze, soziale Projekte in Entwicklungsländern machen die "YGL" weltläufig.
Nicht viele sind mobil
Auslandserfahrung und Fremdsprachenkenntnisse sind wichtige Bausteine für die Karriere, wie die Traineestudie 2011/12 von Haniel und Kienbaum zeigt. "Die Geschäftswelt wird immer internationaler. Deshalb legen die Unternehmen verstärkt Wert auf die interkulturelle Kompetenz ihrer Berufseinsteiger", erläutert Erik Bethkenhagen, Mitglied der Kienbaum-Geschäftsleitung.
Allerdings fallen Wunsch und Wirklichkeit in puncto Mobilität auseinander. Nach dem aktuellen Eurobarometer der EU-Kommission haben nur zehn Prozent der Europäer schon einmal in einem anderen Land gearbeitet. Während Skandinavien und Großbritannien Expat-Anteile bis 20 Prozent aufweisen, liegt Deutschland mit acht Prozent im unteren Drittel. Das gleiche Bild bietet sich hinsichtlich der beruflichen Pläne: 17 Prozent aller Befragten können sich vorstellen, irgendwann im Ausland zu arbeiten. In Deutschland liegt dieser Wert nur bei elf Prozent.
Bunt gemischte Teams
Dass die Zukunft den Globetrottern gehört, ist dennoch unbestritten. Eine internationale Studie der Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC) kommt zu dem Schluss, dass im Jahr 2020 jeder zweite Arbeitnehmer fern der Heimat sein Geld verdienen wird. Je höher qualifiziert, desto reiselustiger – nach diesem Motto wollten 80 Prozent der Hochschulabsolventen im Ausland beruflich Station machen, so PwC.
In vielen Konzernen sind Globetrotter willkommen. Internationale Einstiegsprogramme bringen Absolventen aus aller Welt zusammen. Air Liquide, ein französischer Hersteller technischer Gase, setzt die Teilnehmer seines dreijährigen Talente-Programms "Start" bewusst so ein, dass sie nicht in ihrem Heimatland arbeiten. Frank Nicolas Lüders beispielsweise, der in Karlsruhe und Lausanne Wirtschaftsingenieurwesen studiert hatte, landete als "Business Analyst" in der Konzernzentrale in Paris – in einem Team mit einem Brasilianer, einem Tunesier, einem Japaner, einem Chilenen und einem Chinesen. "Paris war nur eine Option", sagt Lüders. "Ich hätte auch in Taiwan oder Brüssel landen können."
Der Mineralölkonzern BP lädt Top-Bewerber zum "Future Leaders Programme" ein, das drei bis vier Jahre dauert und zentral von London aus organisiert wird. Der Weg der "Future Leaders" führt rund um den Globus – ein ideales Sprungbrett für eine Managementfunktion in einer Landesgesellschaft. Fast beiläufig knüpfen die Teilnehmer Kontakte zu Führungskräften und Fachkollegen im Konzern. "Bevor ich anfing, dachte ich, ich hätte bereits eine globale Haltung", sagt Nazli Orsan, "Performance & Planning Analyst" bei BP in London. "Aber nun lerne ich wirklich mit Menschen zusammenzuarbeiten, die eine andere Sicht der Dinge und Persönlichkeit als ich haben."
Konkretes Projekt im Blick
Auch mittelständische Unternehmen, die erfolgreich eine Nische auf dem Weltmarkt besetzen, können das Tor zu einer internationalen Karriere aufstoßen. Allerdings sind die beruflichen Entwicklungspfade dort nicht so breit wie in einem Konzern, das heißt, der Globetrotter in spe muss die Initiative ergreifen. "Einfach ansprechen und sich flexibel zeigen", empfiehlt Thomas Lange, Karriere-Coach in Frankfurt am Main. Eine gute Gelegenheit ist das Jahresgespräch, wobei eine Botschaft wie: "Irgendwann möchte ich mal ins Ausland" sicher nicht ins Schwarze trifft. Besser ist es, ein konkretes Projekt in einem bestimmten Zielland anzupeilen. Möglicherweise findet sich auch eine vakante Position im internen Stellenmarkt.
Dann folgt das Wichtigste: Vorgesetzter und Personalabteilung müssen überzeugt werden, dass das Abenteuer Ausland tatsächlich gelingt. Eine naheliegende Voraussetzung seien natürlich Fremdsprachenkenntnisse, sagt Jürgen Hesse, Gründer des bundesweit tätigen Büros für Berufsstrategie Hesse/Schrader. "Außerdem benötigen Sie interkulturelles Verständnis. Auf keinen Fall dürfen Sie die feinen kulturellen Unterschiede vernachlässigen, die bereits zwischen Nachbarländern wie Deutschland und Österreich bestehen. Vieles läuft in Wien anders als in Berlin. Und erst recht in einen südafrikanischen Staat. Für eine internationale Karriere müssen Sie schon besonderes Kommunikationstalent, Neugier, Offenheit und Mut mitbringen."
Rückfahrkarte nicht vergessen
Wer klug ist, denkt schon beim Abflug an die Rückkehr. Denn zuweilen werden Expats in der Ferne "vergessen". Die Welt zu Hause dreht sich weiter, Kollegen steigen auf, Vorgesetzte wechseln, eine neue Aufgabenverteilung spielt sich ein. Innerhalb von zwei bis vier Jahren – der üblichen Dauer einer Langzeitentsendung – kann viel passieren. Oft zu viel, um nahtlos die Karriere fortzusetzen. Deshalb ist es ratsam, vor dem Auslandseinsatz die Rahmenbedingungen der Rückkehr, also Folgeposition, Verantwortungsumfang, Berichtswege, schriftlich zu vereinbaren.
Doch nicht alles lässt sich vertraglich regeln: "Expats bekommen oft einen gewissen Stempel aufgedrückt, das heißt, die Kollegen projizieren ihre eigenen Vorurteilen über das fremde Land in die Person des Heimkehrers", beobachtet Hesse. "Auf jeden Fall ist es leichter, zu den Wurzeln zurückzukehren, als in die Welt hinauszugehen. Vorbereiten muss man aber beides. Und immer wieder geht es um Anpassungsleistungen."
Buchtipps für die internationale Karriere
Bloemer, Vera: Karriere im Ausland. Chancen und Risiken. So treffen Sie die richtige Entscheidung, 2009, Walhalla U. Praetoria, 178 Seiten, 19,90 Euro.
Hanisch, Horst: Der kleine Interkulturelle Auslands-Knigge. Verhalten mit Menschen anderer Kulturen, 2011, Books on Demand, 88 Seiten, 9,70 Euro
Harvard Business Manager: Karriere im Ausland. In fremden Kulturen arbeiten und verhandeln, 2011, Manager Magazin, 80 Seiten, 14,90 Euro
Hecht-El Minshawi, Béatrice/Szodruch, Marja: Weltweit arbeiten. Gut vorbereitet für Job und Karriere im Ausland, 2008, Redline, 208 Seiten, 19,90 Euro
Klein, Hans-Michael: Business-Etikette International. Das Deutschlandbild im Ausland. Kulturelle Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Praktische Verhaltenstipps für 26 Länder, 2009, Cornelsen, 184 Seiten, 16,95 Euro
Tepelea, Aladár: Praktikum bei Top-Unternehmen. Die besten Praktika im In- und Ausland. Finden, bewerben, rocken!, 2012, Campus, 250 Seiten, 19,90 Euro
(Bild: blackred, istockphoto)
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