Bildungsurlaub: So überzeugen Sie den Chef
Arbeitnehmer haben einen gesetzlichen Anspruch auf Bildungsurlaub. Doch viele trauen sich nicht, ihn durchzusetzen. Wie Sie Ihren Chef überzeugen.
Von Christoph Stehr
"Ewiger Frühling" herrscht auf La Gomera, der "grünsten Kanareninsel", verspricht das Lohmarer Institut für Weiterbildung (LIW). Winterflüchtlinge aus Deutschland erfreuen sich an "subtropisch anmutenden Lorbeerwäldern mit überdimensionalen Farnen und Rankengewächsen". So schön kann Urlaub sein. Urlaub?
Von wegen. In einem Seminarhotel in der Inselhauptstadt San Sebastián pauken die Teilnehmer des Kurses "La Gomera – Naturerbe der Menschheit oder Aussteigerparadies?" die Besiedlungsgeschichte der Kanaren. Das ist harter Stoff, aber eine Wanderung durchs Tal des großen Königs bei angenehmen 20 Grad bläst die Köpfe wieder frei.
Bürgerkompetenz fördern
Anfang Dezember 2009 bietet das LIW den Wochenkurs erneut an – mit freundlicher Unterstützung der deutschen Wirtschaft. Denn in Berlin, Brandenburg, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Rheinland-Pfalz, Saarland, Sachsen-Anhalt und Schleswig-Holstein können Arbeitnehmer den La Gomera-Trip als Bildungsurlaub beantragen.
Sofern sie nicht eines der vielen anderen attraktiven Angebote von Weiterbildungsinstituten und Sprachreiseveranstaltern vorziehen: Das Internationale Bildungs- und Begegnungswerk Dortmund lockt mit der "1001 Silvesternacht in Marrakesch"; das Figurentheater-Kolleg Bochum weiht Anfänger und Fortgeschrittene in "Die Kunst des Schauspielens" ein.
Das Etikett "Freizeit durch die Hintertür" haftet Bildungsurlaub an, seit er in den siebziger und achtziger Jahren in vielen Bundesländern eingeführt wurde. Unternehmen bemängelten oft, "dass die gewählte Bildungsveranstaltung nichts mit der beruflichen Aufgabe des Betreffenden zu tun habe", sagt Manfred Kubik vom DGB Bildungswerk in Hattingen. Dabei geht es gar nicht um Wissen, das sich eins zu eins im Job anwenden lässt – das ist Aufgabe der betrieblichen Weiterbildung. Bildungsurlaub zielt in eine andere Richtung.
"Es werden Bürgerkompetenzen gefördert, die Voraussetzung für individuelle Lebenschancen, gesellschaftliche Teilhabe und demokratische Stabilität sind", sagt Kubik. "Solche Kompetenzen schaffen die Grundlage für den Einzelnen, am staatsbürgerlichen Leben teilzunehmen." Gleichwohl haben viele der anerkennungsfähigen Seminare und Lehrgänge einen stärkeren Jobbezug als die Naturschutzstudien auf La Gomera. Das Spektrum reicht von Methodenwissen, etwa Präsentationstechnik und Rhetorik, bis zu Sprachkursen und Sprachreisen.
Fünf Tage pro Jahr
Je nach Bundesland spricht der Gesetzgeber von "Bildungsurlaub" oder "Bildungsfreistellung". Unternehmen müssen danach ihre Beschäftigten auf Antrag freistellen, um ihnen eine berufliche, politische oder kulturelle Weiterbildung zu ermöglichen. Das Gehalt läuft derweil weiter. Der Anspruch erstreckt sich auf fünf bezahlte Arbeitstage innerhalb eines Kalenderjahrs oder auf zehn Tage innerhalb zweier aufeinander folgender Kalenderjahre. Im Saarland können Arbeitnehmer ihre Ansprüche aus bis zu vier Kalenderjahren "ansparen". Grundsätzlich muss die Veranstaltung als Bildungsurlaub anerkannt sein, das heißt, den in den Landesgesetzen vorgeschriebenen Anforderungen an Unterrichtsdauer und Inhalt genügen.
In den meisten Bundesländern können Arbeitnehmer erstmalig sechs Monate nach Beginn ihrer Anstellung oder Ausbildung Bildungsurlaub einreichen. Heimarbeiter und arbeitnehmerähnliche Personen sind Arbeitern und Angestellten gleichgestellt. Beamte und Beschäftigte des öffentlichen Dienstes bekommen ebenfalls ihre fünf oder zehn Tage frei, allerdings regeln das andere Gesetze. In Baden-Württemberg, Bayern, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen und Thüringen besteht kein gesetzlicher Anspruch auf Bildungsurlaub.
Widerstände überwinden
Das Verfahren zur Freistellung ist einfach: anerkannte Weiterbildungsveranstaltung auswählen und buchen, Teilnahmebestätigung abwarten und damit vier bis sechs Wochen vor Beginn der Maßnahmen den Anspruch anmelden. Doch nur ein bis zwei Prozent der Beschäftigten nehmen ihr Recht wahr.
Professor Ekkehard Nuissl von Rein, der wissenschaftliche Direktor des Deutschen Instituts für Erwachsenenbildung in Bonn, beobachtet "innerbetriebliche Widerstände der Arbeitgeber", die mit der finanziellen und organisatorischen Belastung zusammenhingen. "Probleme entstehen auch dadurch, dass die ein- oder zweiwöchige Abwesenheit eines Arbeitskollegen nicht nur dem Arbeitgeber, sondern auch den anderen Beschäftigten unangenehm auffallen kann, vor allem in kleineren und mittleren Betrieben", sagt Nuissl von Rein.
Deshalb sollten Arbeitnehmer zunächst unter den Kollegen für Bildungsurlaub werben. Schließlich hat jeder einen Anspruch – je mehr ihn anmelden, desto leichter fällt es, ihn durchzusetzen. Außerdem empfiehlt es sich, früh mit den Kollegen einen günstigen Zeitpunkt abzustimmen, etwa außerhalb der Schulferien. Im Gespräch mit dem direkten Vorgesetzten ist dann eine beliebte Ausflucht schon entkräftet: "Tja, Sie wissen doch, der Termindruck im Augenblick …"
Die Vorteile
Stefan Scherer, Geschäftsführer eines Sprachreisenveranstalters in Berlin und Betreiber der Web-Seite www.bildungsurlaub.info, rät, die Vorteile für das Unternehmen hervorzuheben. "Die Ökonomie ist das beste Argument", sagt er. "Der Betrieb trägt nur die Kosten für die ausgefallene Arbeitszeit, nicht die für die Weiterbildung." Wer sich weiter qualifiziert, sei außerdem motivierter und bringe bessere Leistung.
Gegen das Vorurteil, der Antragsteller wolle sich nur einen Extra-Urlaub gönnen, hilft der Hinweis, dass eine als Bildungsurlaub anerkannte Maßnahme mindestens sechs Unterrichtsstunden täglich vorsieht und daher wohl kein reines Vergnügen ist. Und noch eine Karte sticht, meint Scherer: "Mitarbeiter mit guten Fremdsprachenkenntnissen haben noch keinem Betrieb geschadet."
(Bild: olly)
Nützliche Links
www.iwwb.de/links/bildungsurlaub/
Gesetzliche Regelungen für alle Bundesländer mit Links zu länderspezifischen Weiterbildungsdatenbanken.
www.bildungsurlaub.de
Datenbank für Kurse und Seminare, nach Themen geordnet. Schwerpunkt auf Nordrhein-Westfalen.
www.languagecourse.net/de/bildungsurlaub.php3
Informationen und Links zu Sprachkursen als Bildungsurlaub. Unübersichtlich und lückenhaft, aber ein Start.
www.englishinbritain.de/
Unabhängige und kostenlose Beratung für Sprachreisen in England, Irland und Schottland.
www.francaisenfrance.de
Kostenlose Beratung und Vermittlung von Sprachreisen und als Bildungsurlaub anerkannte Sprachkurse in Frankreich. Individuelle Beratung.